Lehrredaktion Online Journalismus
Fachbereich Kommunikationswissenschaft, Abteilung Journalistik
Uni Salzburg, Wintersemester 0506 | Lektor Helmut Spudich

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DAS KLEINE BLOG 1x1 | von Helmut Spudich

Vor ziemlich genau fünf Jahren, eine Ewigkeit in Web-Zeitrechnung, definierte Rebecca Mead im New Yorker für ihre Leser was ein Blog ist: "Ein Blog besteht in erster Linie aus Links zu anderen Websites und Kommentaren zu diesen Links. Ein Blog zu führen ist so ähnlich wie wenn man eine eigene, Online-Version von Reader's Digest schreibt, mit täglichen Updates: Man spaziert durch das Internet und wenn man einen Artikel oder einen Website findet, der einen fesselt, linkt man dorthin – man "blogt" es, in der Sprache der Weblogs. Dann lesen andere Blogger – Leute, die selbst Blogs führen – dein Blog, und wenn auch sie daran Gefallen finden, bloggen sie deinen Blog auf ihrem Blog."

"Blogs bestehen oft aus Links zu Artikeln, die Leser sonst mit großer Wahrscheinlichkeit übersehen hätten, und sind so eine informative Lektüre: So habe ich zum Beispiel durch einen exzellenten Blog namens Rebecca's Pocket erfahren, dass die Bangkok Transit Authority einen Bus nur für Frauen eingeführt haben, um weibliche Fahrgäste vor grassierenden Belästigungen zu bewahren. (...) Blogs bringen auch meist Links zu Sites, die eine bestimmte Sache besser erklären."

Mit einiger Berechtigung könnte man argumentieren, dass Blogs – eine Verballhornung von Web Logs – in den Genen des Web liegen: Schließlich wurde das World Wide Web dazu gebaut, einzelnen Personen und Gruppen ein einfache Möglichkeit zu geben, eigene Inhalte zu publizieren. Was die Explosion der Blogs in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat ist eine weitere technische Evolution – einfach zu bedienende Redaktionssysteme, die mit Hilfe des Webbrowsers zu verwenden und so leicht zu meistern sind wie E-Mail. Die oben zitierte Definition von Mead ist aus einer Geschichte über Meg Hourihan, eine der Gründerinnen von Blogger – das heute zum Google-Reich gehört (www.blogger.com) und Millionen Menschen unentgeltliche Werzeuge zum Bloggen anbietet.

Fünf Jahre später zählt die "Blogosphäre" Millionen Blogs und täglich registrieren spezielle Blog-Suchmaschinen tausende neue Blogs. Blogs brachten uns die ersten Augenzeugenberichte von der Tsunami-Katastrophe Ende 2004 und aus den Schächten der Londoner U-Bahn nach den Bombenanschlägen im Frühjahr 2005. Blogs werden von wahl werbenden Politikern geführt, wie zuletzt im Wiener Gemeinderatswahlkampf (z.B. www.chorherr.at), und Blogs werden von Mitarbeitern in großen Unternehmen wie Microsoft oder IBM geschrieben, mit durchaus kritischer Distanz zum eigenen Arbeitgeber. Eine Handvoll Leute können von gut besuchten Blogs mit großer Fangemeinde inzwischen leben, nicht zuletzt dank Googles AdSense Inseratenprogramm, das es ermöglicht Kleinanzeigen auf Blogs zu platzieren. Und einige haben ihren Job verloren, weil ihr Arbeitgeber nicht damit einverstanden war, dass sie bloggen – sei es privat oder über ihr Arbeitsleben.

SO VIELFÄLTIG NACH ZAHL UND INHALTEN sich die Blogosphäre entwickelt hat, noch immer hält Rebecca Meads Beschreibung ganz gut: Blogs sind in erster Linie eine Art "Reader's Digest", eine Kurzfassung dessen, was in der Welt (vor allem auch in der virtuellen Welt des Web) passiert, geordnet nach den subjektiven, häufig assoziativen Kriterien des jeweiligen Bloggers. Genau darin liegt ihre Ausstrahlung: Es ist das Geflecht einer soziale Erzählung, eine Narration, mit der aus vielen überfordernden Impulsen eine überschaubare und sowohl kogntiv als auch emotional begreifbare kleine Welt in der großen entsteht. Ein Teil ihres Charmes für die jeweilige Lesergemeinde (die sich durch Kommentare am Dialog beteiligt) liegt in der assoziativen Form der Themenbildung: Zwar haben sie meist einen inhaltlichen Schwerpunkt. Aber so, wie Gespräche unter Freundinnen und Freunden oder Kolleginnen und Kollegen vom vereinbarten Thema abschweifen und sich kurzfristig anderen Interessen zuwenden, so finden sich auch in Blogs oft Einträge, die logisch nicht zum Thema passen würden.

Je nach Intention, Hintergrund und Temperament seines Bloggers kann ein Blog fachlich kompetente Information präsentieren; nicht wenige Experten ihres Feldes kommentieren in von der jeweiligen Fachwelt viel beachteten Blogs neue Entwicklungen in ihrem Bereich. Blogs können ein fortlaufender Kommentar zu den Ereignissen der Politik und Wirtschaft sein, zu Themen von Umweltschutz bis Technologiegebrauch, oder einfach ein persönliches Tagebuch, geschrieben für eine kleine familiäre Community, die sich um das "Lagerfeuer des 21. Jahrhunderts" (der Bildschirm) versammelt und Geschichten austauscht. (Einen Überblick bieten diverse Blogverzeichnisse und spezialisierte Blog-Suchmaschinen, u.a. http://www.weblogverzeichnis.de/, spezielle Verzeichnisse wie http://gumia.de/2005/11/18/neues-weltweites-food-blogs-verzeichnis/ für Food Blogs, http://blogdex.net/ verfolgt welche Themen und Links sich gerade am schnellsten in der Blogosphäre verbreiten, http://blogsearch.google.com/ als spezielle Suchvariante von Google und andere).

DAS GROSSE INTERESSE an Blogs, das im deutschen Sprachraum vor allem in den beiden letzten Jahren entstand, musste auch das Interesse von Medienmachern erregen. Zeitungen haben begonnen, mit Blogs zu experimentieren – teils, indem sie Blogs anderer Autoren hosten, teils indem sie eigenen Autoren Platz für Blogs einräumen.

In einer bemerkenswerten Rede vor der American Publisher's Association im April 2005 hat der mächtige Medienzar Rupert Murdoch (News Corporation) in Anbetracht des rasanten Wandels der Medienlandschaft durch Digitalisierung und Online eine Art Weckruf gehalten. Es finde nichts weniger als eine "Revolution statt in der Art, wie sich junge Leute Nachrichten beschaffen. Sie warten nicht auf die Morgenzeitung, nicht auf eine gottartige Person, die ihnen sagt was wichtig ist, und schon gar nicht wollen sie die Nachrichten gepredigt bekommen. Stattdessen wollen sie ihre News on Demand, sie wollen Kontrolle über Medien statt von ihnen kontrolliert zu werden. Denken Sie nur daran, wie Blogs enthüllten, dass teure Kryptonite-Schlösser mit Hilfe von billigen Bic-Kugelschreibern geknackt werden können. Oder denken Sie an den raschen Abgang des CBS-News Anchors Dan Rather nach dem Swiftboat-Vorfall (die Präsentation wahrscheinlich falscher Unterlagen im US-Wahlkampf durch CBS 60 Minutes)." Im Anblick dieser "Revolution" hätten jedoch Medien langsam reagiert, "wir schauten tatenlos zu, während unsere Zeitungen Auflage verloren", kritisierte Murdoch.

WENN ÜBERHAUPT, sind natürlich Blogs für traditionelle Medien nur ein Teil der Antwort auf die Online-Herausforderung. Von Le Monde (http://www.lemonde.fr/web/blogs/0,39-0,48-0,0.html) bis zur Hamburger Zeit (http://www.zeit.de/blogs/index) und der Süddeutschen Zeitung (http://blog.sueddeutsche.de/) haben Zeitungen begonnen, mit Blogs zu experimentieren.

Noch herrscht weitgehend Narrenfreiheit, aber mittelfristig stellen sich für etablierte Medien eine Reihe von Fragen, wenn sie offiziell Blogs auf ihren Websites aufnehmen. Die "Natur" von Blogs ist ein persönlich gefärbter, in der Regel mit Kommentaren zu den aufgegriffenen Themen nicht geizender Stil – gerade in der persönlichen Meinung des Autors liegt der leserische Reiz der Form. Das widerspricht aber einer Reihe von journalistischen Prinzipien, vor allem der klaren Trennung von Berichterstattung und Meinung; es widerspricht auch Prinzipien wie mit Gerüchten oder nicht bestätigten Informationen vorsichtig umzugehen – Blogs leben davon, eine Art Online-Basena zu sein.

Sobald Blogs jedoch Teil traditioneller Medien sind, müssen sie auch für ihre Inhalte gerade stehen. Bloginhalte werden kaum kritisch gegen gelesen bevor sie gepostet werden, dagegen spricht sowohl die Form an sich als auch das Tempo von Blogposts, die quasi aus der Hüfte geschossen werden – bei Bedarf kann man ja korrigierend nachlegen. Nebenbei ist dies auch ein medienrechtliches Problem, denn die Zeitung haftet für die Inhalte ihrer Blogger.

Blogs leben von Andeutungen, nur stichwortartig ausgeführten Informationen und Kommentaren und der Kürze: Sie setzen nicht nur ein interessiertes, sondern auch in dem speziellen Segment informiertes Publikum voraus, dem man nicht alles nach den Grundregeln des journalistischen 1x1 erklären muss.  Dieser Stil bricht aber mit allen Grundregeln des Journalismus, und die Frage ist wieweit hier Kompromisse seitens der Autoren möglich sind, ohne dabei den Reiz des Blogs (und damit das Publikum) zu verlieren.

WÄHREND DIE BLOGS ins Kraut schießen, hat die technologische Entwicklung (wachsende Verbreitung von Internet-Breitbandanschlüssen, digitaler Technik wie Videokameras und weitere technische Entwicklungen webbasierender Dienste) das Rad bereits einen Schritt weiter gedreht: Podcasts und Videocasts sind quasi die nächsten Schritte in der Blogosphäre.

Podcasts sind Audiobeiträge, die nach Blogart aufgezeichnet und über einen Website angeboten werden – man kann sie entweder am PC anhören oder auf einen MP3-Player laden und unterwegs konsumieren. Mit der Aufnahme von Podcasts in den iTunes Music Store von Apple haben Podcasts eine technisch sehr einfache Plattform zur Verbreitung gefunden: Bei Interesse wird ein Podcast eines Anbieters abonniert, wann immer es eine neue Ausgabe gibt wird diese automatisch auf den Computer geladen und allenfalls mit dem iPod (Apples MP3-Player) synchronisiert. Natürlich geht es auch über einen ganz normalen Website, aber die Vereinfachung dieser Strukturen ist eine wesentliche Basis für ihre weite Verbreitung; Apples iTunes-Angebot ist derzeit die breiteste Basis für die "Ausstrahlung" von Podcasts.

Radiosender haben auf die jüngere Podcasting-Entwicklung wesentlich rascher zu reagieren begonnen als Printmedien auf Blogs: Zu den Spitzenreitern bei Abos zählen im deutschen Sprachraum stets unter anderem diverse Ö3-Podcasts (Morning Comedy und anderes). BBC hat sich stark im Bereich Podcasting engagiert, Entertainer wie Harald Schmidt bieten Podcast-Shows (in diesem Fall gegen 99 Cent pro Ausgabe an) – aber das Feld ist auch stark von freien Journalisten und neuen Autoren beackert (z.B. Wanhoff's Wunderbare Welt der Wissenschaft, wissenschaft.wanhoff.de, oder "Schlaflos in München" von Annik Rubers, www.schlaflosinmuenchen.net). Eines von mehreren Verzeichnissen für deutschsprachige Podcasts ist podster.de, und wie bei Blogs haben sich viele Verzeichnisse, Anbieter und Suchmaschinen zu etablieren begonnen.

VON DA WEG ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Video-Podcasts – obwohl hier wahrscheinlich das Medium noch etwas komplizierter ist: Es ist technisch aufwändiger, die Umsetzung einer interessanten filmischen Dramaturgie erfordert mehr Arbeit und Einsatz. Ein interessantes Beispiel, wie die wahrscheinlich Millionen von Videoclips von Amateuren ihren Weg in eine breitere Öffentlichkeit finden können, findet sich bei "Zoom and Go" (http://www.zoomandgo.com/popularvideos/default.asp), einem Website mit Hotel-Kritiken von Konsumenten; dort finden sich auch Videoclips mit den Erfahrungen von Reisenden zu hunderten verschiedenen Orten und Themen.

Wie schon bei Podcasting könnte auch bei Video-Podcasting Apples iTunes eine Schlüsselrolle zukommen – seit Herbst ist die bisherige Musikplattform auch zugleich eine Videoplattform für die einfache Distribution von Videos, und Apples jüngste iPod-Familie ist videofähig.

Eine weitere technologische Entwicklung wird in dieser Entwicklung noch eine Rolle spielen: 3G, die dritte Mobilfunkgeneration (alias UMTS), eine Datentechnik auf der Suche nach sinnvoller Anwendung. Audio- und Video on Demand – nichts anderes sind Podcasts und Videopodcasts – sind 3G-Handytauglicher Content, noch dazu über weite Strecken gratis zu haben. Und 3G-Geräte sind kleine "Produktionseinheiten", mit denen kurze Audio- und Videobeitäge, Bilder und Blogpostings spontan und rasch produziert und gebloggt werden können. Der nächste Schritt, den 3G-Geräte ermöglichen, ist der Wegfall des (stationären) PCs als Sammler und Synchronisationsgerät für diese Inhalte; statt dessen können die Abonnements im Streaming-Verfahren überall abgerufen werden, etwa in einem 3G-enabled Autoradio.

Spannende Zeiten für "User generated Content", die Demokratisierung journalistischer Produktionsmittel – und schwierige Zeiten für professionellen Journalismus, der mit den unentgeltlichen Inhalten konkurrieren muss.