Donnerstag, Dezember 09, 2004

Jeder Bürger ein (Lokal)-Reporter

"Citizen Journalism" – frei übersetzt: Die journalistische Miliz – breitet sich aus, auf lokaler wie auf nationaler Ebene. Gemeint ist damit der Leser als Lieferant von Nachrichten. Beispiele und Entwicklungen aus den USA beschreibt ein Artikel von Leslie Walker in der Washington Post.

Ein Prototyp dieser Entwicklung ist ein Community Website namens Northwest Voice, der von der Lokalzeitung "Bakersfield Californian" im Mai 2004 gestartet wurde. Eine einsame Redakteurin, insgesamt vier Mitarbeiter, keine bezahlten Reporter oder Schreiber; der Inhalt wird von den Lesern geliefert. Diese müssen sich dazu registrieren (es gibt keine anonymen Postings) und schreiben ihre Geschichten in Onlineformulare unter verschiedenen Rubriken wie Nachrichten, Events, Fotos, Leserbriefe. Die hauptamtliche Herausgeberin – Mary Lou Fulton, zuvor Redakteurin bei washingtonpost.com – sieht die Einsendungen durch, zensiert sie aber nicht und schreibt sie auch nicht um; nach eigenen Angaben werden nur nicht-lokale Nachrichten und Werbung für Firmen nicht veröffentlicht. Alle zwei Wochen wird eine "Best of"-Printversion gedruckt und an rund 21.700 Haushalte verteilt; die darin geschalteten Inserate örtlicher Geschäfte (die auch Online erscheinen) finanzieren die Northwestern Voice, die nach eigenen Angaben ausgeglichen bilanzieren soll.

Ein anderes erfolgreiches Beispiel für die "Miliz-Journalisten" kommt aus Südkorea, beschreibt James Borton in der Asia Times Online. Das Land leidet unter Medienkonzentration und relativer Begrenzung der journalistischen Freiheit; drei große Massenzeitungen kontrollieren 70 bis 80 Prozent des Marktes und dementsprechend die veröffentlichte Meinung. Aber Breitband-Internet (Korea ist laut ITU das Land mit der weltweit größten Dichte an Breitbandanschlüssen und der höchsten Internetdichte im asiatischen Raum) hat die Gleichung verändert, schreibt Borton: 32.000 "Citizen Reporters", „wired red devils“ genannt, schreiben inzwischen für das Online-Medium OhmyNews, das 2000 gegründet wurde.

OhmyNews (nach dem Gründer Oh Yeon-ho genannt) hat seine politische Relevant inzwischen bewiesen: Am letzten Wahltag Ende 2002 wurde von Exitpolls vorausgesagt, dass der 56-jährige Roh Moohyun Reformkandidat das Rennen verlieren würde – was eine Sturmwelle unter den über OhmyNews organisierten technologie-affinen Anhängern des Kandidaten auslöste. Innerhalb von Minuten wurden Millionen von E-Mails und SMS an Handys verschickt, die dringend dazu aufforderten zur Wahl zu gehen und den von den großen Medien abgelehnten Roh zu unterstützen. Am Ende des Tage hatte der Außenseiter die Wahl mit einem Vorsprung von 2,3 Prozentpunkten gewonnen.

OhmyNews zählt zu den Top 15 Websites in Südkorea, hat nach eigenen Angaben 2003 eine ausgeglichene Bilanz geschafft und macht seither einen monatlichen Gewinn von 27.000 US-Dollar. Die Zulieferer, die je nach Platzierung und Zugriffe für ihre Beiträge zwischen fünf und 20 Dollar bezahlt bekommen, sorgen für 80 Prozent des Inhalts, nur ein Fünftel kommt vom professionellen Stab des Sites, der von Nachrichten, Politik, Sport bis Unterhaltung die übliche Küche eines Tagesmediums anbietet. Tendenz: "Anti-Corporate, Anti-Regierung und häufig massive Antiamerikanisch", diagnostiziert Borton anhand von Beiträgen. "OhmyNews hat einen Zweiweg-Journalismus geschaffen, unsere Leser sind nicht mehr passiv sondern können jederzeit selbst zu Reportern werden", beschreibt OhmyNews-Chef Oh Yeon-ho sein Konzept.

Versuche mit "demokratischen Online-Journalismus" auf nationaler und internationaler Ebene unternimmt seit kurzem WikiNews, das seit November 2004 online ist und sich dementsprechend noch „Beta“ nennt. Der deutsche Site startete am 3. Dezember, ist also noch brandneu und "sucht noch Autorinnen und Autoren". WikiNews folgt dem Konzept des seit längerem etablierten Onlinelexikons WikiPedia: Ehrenamtliche Autoren liefern Beiträge (bei WikiPedia nach lexikalischen Begriffen, bei WikiNews nach Aktualitäten), diese unterziehen sich zur Verifikation eines "Peer Review" wie bei wissenschaftlichen Zeitschriften und werden demnach überarbeitet. Interessant ist auch der Ansatz, wie Artikel entstehen (sollen): in kollaborativer Form, bei der schon die Entstehung einer Art Demokratisierung unterliegen soll. Artikel, die in Arbeit sind, können bereits eingesehen werden; in der "Artikelschmiede" werden auch Fragen nach den Aspekten gestellt, die noch nicht geklärt wurden oder bekannt sind.

Eigentlich ein Konzept wie aus dem Lehrbuch des Kritischen Rationalismus von Sir Karl Popper – Wahrheit per se ist nicht möglich, was der Wahrheit am nächsten kommt entsteht durch Intersubjektivität und Falsifikation. Im Internetzeitalter wäre die größtmögliche Intersubjektivität die Zahl aller User. Wiki folgt auf seine Art dem Konzept von Open Source Software (die von vielen Entwicklern laufend weiterentwickelt wird und die jeder unentgeltlich verwenden kann, vorausgesetzt er stellt seine Verbesserungen wieder der Community