Sonntag, Dezember 05, 2004

Wenn sich Leser ihr Medium selbst machen

User Generated Content – Inhalte von Lesern anstatt von Profis – liegt quasi in der Natur des Internets. Erstens weil es ein Internet gab, bevor es Medien für den Journalismus entdeckte, also eigentlich das ganze Internet ein User-Generated-Medium ist.

Zweites, weil Medien (und elektronische Verlage unterschiedlichster Art) zunehmend User als Lieferanten ihrer Inhalte entdecken – weil dies anscheinend andere User anzieht (ähnlich wie Reality TV) und weil es obendrein billig ist.

Beweisstück 1:ThisIsHowYouDoIt.com das ein Geschäftsmodell rund um User Generated Content gebaut hat. Die Idee ist einfach, beschreibt Ester Dyson in ihrem eigenen Blog Release 4.0: User helfen anderen User mit Hilfe von erklärenden Videoclips. Aus dieser Erfahrung soll Richard Cummings, der Betreiber von ThisIsHowYourDoIt.com seine Grundidee gewonnen haben: Als er etwas neues mit seinem PC machen wollte, fand er nur Gebrauchsanleitungen, die er nicht verstand. Seit dem Start im September 2003 bietet Cummings Website 30 von Usern gestaltete und angebotene Videos an, die Gebrauchsanleitungen sind. Bisher haben diese Videos 1000 Downloads nach sich gezogen, der jeweilige User legt mit Beratung von Cummings selbst den Preis fest und beteiligt den Betreiber an den Einnahmen. Die Favoriten: Wie man den PC mit seinem TV-Geräte verbindet, und wie man Schach spielen lernt. 40 Prozent der Besucher des Websites kommen von außerhalb der USA, bezahlt wird über PayPal (das Bezahlsystem von eBay).

Beweisstück 2: Rezensionen von Büchern, Musik und alle anderen Arten von angebotenen Artikeln auf den Seiten von Amazon. Von Anfang ein Feature von Amazon, in abgewandelter Form auf anderen Websites wie bei eBay und anderswo gebraucht. User schreiben Besprechungen und geben Bewertungen ab – auch des Inhalts von Usern. Damit wandert gut bewerteter Content in der Reihung nach oben, schlechter bewerteter Content nach unten. Das System zeigt auch eine potenzielle Problematik von User Generated Content auf: Anfang 2004 wurde durch eine Panne (die E-Mail-Adressen der Absender wurden angezeigt) sichtbar, dass sich einige Buchautoren selbst positive Bewertungen in der Verkleidung von Usern ausstellten. Aber natürlich verbirgt sich hinter Botschaften immer eine Absicht – das ist auch im professionellen Journalismus nicht anders; im besten Fall besteht dessen Qualität darin, dass institutionelle Safeguards des jeweiligen Mediums für die Nachprüfbarkeit der vermittelten Inhalte sorgt.

Weitere Beweisstücke: Die wachsende Zahl der Blogs, und natürlich seit Urzeiten: Postings und Foren. Während ein großer Teil dieser Art von Inhalte immer schon eine Art soziales Grundrauschen im Netz darstellen, beginnen sich manche – vor allem Blogs – zunehmend in das journalistische Feld zu integrieren bzw. integriert zu werden.