Montag, April 23, 2007

Medien Remixed

USA Today wird vom Online-News Start-Up Politico Geschichten übernehmen, berichtet die New York Times. Politico ist eine drei Monate alte Gründung einer Handvoll von Washington-Post-Veteranen, eine Mischung aus politischem Kommentar, Blog und Gossip-Stories, die die politische Szene Washington, D.C., beleuchten.

Die Kooperation der Zeitung mit der Website zeigt eine Reihe von Möglichkeiten künftiger Entwicklungen: Webjournalismus wie Politico, Wonkette oder The Huffington Post sind im Kern Gründungen von Journalisten und nicht von "Citizen Journalists", und sie sind "opinionated journalism" – nicht so sehr Berichterstattung als Glossierung und Kommentierung von Ereignissen und Berichten. Durch die Übernahme der Geschichten dieser Websites durch andere Medien wird daraus ein Syndizierungsmodell, so wie bei Agenturen – aber in erster Linie von Meinung, nicht von Berichten.

Gutes Beispiel dafür waren die Aufmachergeschichten von Politico und Huffington Post an diesem Montag: Beide schrieben über ein Schreiduell zwischen Karl Rove, dem Spindoctor von George W. Bush, mit der Schauspielerin Sheryl Crow beim jährlichen Korrespondenten-Ball im Weißen Haus, bei dem es um die Umweltpolitik der Regierung Bush ging. Ein Bericht darüber fand sich u.a. auch in der New York Times, allerdings deutlich weniger prominent platziert als auf den Online-Newssites-

Mainstream-Medien wie USA Today loggen sich damit in die lockere Art des Schreibens und der Kommentierung von Online-Medien ein, ohne ihre eigene Identität zu wechseln. Natürlich kann dies aber auch über kurz oder lang daraus hinauslaufen, dass man weniger eigene Elemente dieser Art selbst produziert (und weniger Journalisten dafür beschäftigt).

Die Newcomer wiederum haben dadurch Chancen auf größere Reichweite, und sie haben gute Aussichten, dass einige Leserinnen und Leser direkt bei ihnen hängen bleiben: Warum sollte man nur die übernommenen Geschichten bei USA Today konsumieren, wenn man das ganze Programm einfach direkt täglich anschauen kann?

Auch in Österreich gibt es solche Ansätze zu sehen, wie beim "Fangnetz" der Presse, das aus einer Reihe von politischen Blogs Beiträge übernimmt, mit Links zu den jeweiligen Blogs. Da hier kein Geld für die Übernahme bezahlt wird, ist dies weniger eine Form der Syndizierung als "Abschöpfung" ("Fangnetz" ist wohl auch ein entsprechend offenherziger Titel für diese Vorgangsweise). Die Diskussion darüber, ob dies eine legitime Form der Verlinkung ist oder einfach Ausbeutung der unbezahlten Blogger läuft schon länger; letztlich geht es auch bei der Debatte (und Rechtsstreit. u.a. in Belgien gibt) über Google News (übernimmt Schlagzeilen und Einstiegszeilen von Nachrichten, mit Links zu den Seiten) um diese Frage.

Was folgt daraus? Derzeit ist dies ein Ökosystem in heftiger Entwicklung, noch leben alle Beteiligten relativ gut von diesen Grenzüberschreitungen: Die einen (Mainstream-Medien) experimentieren mit den neuen Medien, ohne gleich selbst dramatische Änderungen vorzunehmen (und dämpfen vielleicht den Sinkflug ihrer Leserschaft). Die anderen bekommen Anerkennung, Aufwertung und höhere Reichweite und geben es dafür derzeit zumindest billger. In Web-2.0-Manier also ein Remix. Wobei Mainstream-Medien wesentlich zickiger sind wenn es um die Übernahme ihrer Inhalte geht: Da ist schnell der Schrei vom verletzten Urheberrecht zu hören. Ein bissl weniger zimperlich zu sein würde ihnen gut anstehen, denn sie leben ganz gut von den Urheberrechtsverletzungen zu ihren Gunsten.