Freitag, Dezember 31, 2004

Asoziale TV-Verweigerer

Jetzt ist es heraussen: Regelmässige Internetbenutzer konsumieren weniger Fernsehen und verbringen weniger Zeit mit Freunden. Das haben für uns regelmäßige Internetbenutzer Soziologen der Stanford University herausgefunden und wir haben keinen Grund daran zu zweifeln: Oder lesen Sie nicht gerade diese Zeilen, statt mit Ihren Freunden das alte Jahr zu begießen und den Fernseher zu bewundern?

Die Details: Der durchschnittliche Internetuser in den USA ist drei Stunden täglich online, verwendet die meiste Zeit davon zum Arbeiten und mehr als die Hälfte zur Kommunikation -- also E-Mail, Chat, Foren etc. Dafür sitzen diese Menschen nur eine Stunde 42 Minuten täglich vor der Glotze, im Vergleich zum nationalen (US) Schnitt von zwei Stunden. Und zusätzlich verbringen Onlineuser weniger Zeit (23,56 Minuten) mit Freunden, Kollegen, Verwandten und -- jetzt kommts -- sie schlafen weniger, um 8,5 Minuten (anders ausgedrückt: Internetuser sind aufgewecktere Zeitgenossen). Allerdings gibt es keine Antwort darauf, ob die sozialen Beziehungen nun gestärkt oder geschwächt werden.

Also: Schreiben Sie noch schnell eine Mail, damit Ihre Freunde wenigstens von Ihnen lesen können, und heute früher ins Bett gehen. Dann ist das neue Jahr schneller da. Der Vorsatz für 2005: Noch weniger Fernsehen, dann bleibt mehr Zeit fürs Netz.

Mittwoch, Dezember 22, 2004

Die Washington Post kauft das Onlinemagazin Slate


Slate, neben Salon.com eine von zwei originären Onlinegründungen der dot.com-Ära, wurde von der Washington Post gekauft, berichtet die Washington Post. Slate wurde unter der redationellen Leitung von Michael Kinsey 1996 mit Geld von Microsoft gegründet und hat es geschafft, einen eigenständigen Brand als Onlinemedium aufzubauen -- weiterhin eine Rarität im Onlinebereich.

Microsoft hat bereits vor einiger Zeit angekündigt, das Magazin verkaufen zu wollen, das seit kurzem nach eigenen Angaben nach vielen defizitären Jahren nunmehr in den blassschwarzen Zahlen sein soll. Microsoft sei kein Medien-Unternehmen, heißt es; aber das war zu Zeiten der Gründung, als auch MSNBC geformt wurde und mit MSN (Microsoft Network) eine Konkurrenz zu AOL (America Online) entstand, noch nicht so richtig klar. Wir erinnern uns: Damals kauften Technologieunternehmen Mediencompanies, siehe AOL Time Warner, das inzwischen nur noch Time Warner mit einer problematischen Division namens AOL ist.

Mittwoch, Dezember 15, 2004

Internet im US-Wahlkampf

Die Rolle des Internet im US-Wahlkampf zeigt ein audible-Originalmitschnitt einer Veranstaltung der »Library of Congress« (Länge: 92:27, 21,19 MB), dankenswerter aufgelesen von Industrial Witchcraft & Technology: David Weinberger, der Internetberater des glücklosen US-Präsidentschaftskandidaten Howard Dean, hielt am 15. November 2004 im Rahmen der C-Span Veranstaltungsreihe »Library of Congress« einen Vortrag zum Thema Weblogs und neuen Kommunikationsformen im Internet.

Der Vortrag ist übrigens kein trockener Bibliothekarsmonolog: Weinberger war Comedy-Schreiber für Woody Allen und ist Autor für Wired und USA Today. Sein »Joho«-Blog gibt es in drei unterschiedlichen Versionen für Farbenblinde, und auch sein Lebenslauf existiert in drei Variationen: für left brainers, right brainers und für no brainers…

Donnerstag, Dezember 09, 2004

Jeder Bürger ein (Lokal)-Reporter

"Citizen Journalism" – frei übersetzt: Die journalistische Miliz – breitet sich aus, auf lokaler wie auf nationaler Ebene. Gemeint ist damit der Leser als Lieferant von Nachrichten. Beispiele und Entwicklungen aus den USA beschreibt ein Artikel von Leslie Walker in der Washington Post.

Ein Prototyp dieser Entwicklung ist ein Community Website namens Northwest Voice, der von der Lokalzeitung "Bakersfield Californian" im Mai 2004 gestartet wurde. Eine einsame Redakteurin, insgesamt vier Mitarbeiter, keine bezahlten Reporter oder Schreiber; der Inhalt wird von den Lesern geliefert. Diese müssen sich dazu registrieren (es gibt keine anonymen Postings) und schreiben ihre Geschichten in Onlineformulare unter verschiedenen Rubriken wie Nachrichten, Events, Fotos, Leserbriefe. Die hauptamtliche Herausgeberin – Mary Lou Fulton, zuvor Redakteurin bei washingtonpost.com – sieht die Einsendungen durch, zensiert sie aber nicht und schreibt sie auch nicht um; nach eigenen Angaben werden nur nicht-lokale Nachrichten und Werbung für Firmen nicht veröffentlicht. Alle zwei Wochen wird eine "Best of"-Printversion gedruckt und an rund 21.700 Haushalte verteilt; die darin geschalteten Inserate örtlicher Geschäfte (die auch Online erscheinen) finanzieren die Northwestern Voice, die nach eigenen Angaben ausgeglichen bilanzieren soll.

Ein anderes erfolgreiches Beispiel für die "Miliz-Journalisten" kommt aus Südkorea, beschreibt James Borton in der Asia Times Online. Das Land leidet unter Medienkonzentration und relativer Begrenzung der journalistischen Freiheit; drei große Massenzeitungen kontrollieren 70 bis 80 Prozent des Marktes und dementsprechend die veröffentlichte Meinung. Aber Breitband-Internet (Korea ist laut ITU das Land mit der weltweit größten Dichte an Breitbandanschlüssen und der höchsten Internetdichte im asiatischen Raum) hat die Gleichung verändert, schreibt Borton: 32.000 "Citizen Reporters", „wired red devils“ genannt, schreiben inzwischen für das Online-Medium OhmyNews, das 2000 gegründet wurde.

OhmyNews (nach dem Gründer Oh Yeon-ho genannt) hat seine politische Relevant inzwischen bewiesen: Am letzten Wahltag Ende 2002 wurde von Exitpolls vorausgesagt, dass der 56-jährige Roh Moohyun Reformkandidat das Rennen verlieren würde – was eine Sturmwelle unter den über OhmyNews organisierten technologie-affinen Anhängern des Kandidaten auslöste. Innerhalb von Minuten wurden Millionen von E-Mails und SMS an Handys verschickt, die dringend dazu aufforderten zur Wahl zu gehen und den von den großen Medien abgelehnten Roh zu unterstützen. Am Ende des Tage hatte der Außenseiter die Wahl mit einem Vorsprung von 2,3 Prozentpunkten gewonnen.

OhmyNews zählt zu den Top 15 Websites in Südkorea, hat nach eigenen Angaben 2003 eine ausgeglichene Bilanz geschafft und macht seither einen monatlichen Gewinn von 27.000 US-Dollar. Die Zulieferer, die je nach Platzierung und Zugriffe für ihre Beiträge zwischen fünf und 20 Dollar bezahlt bekommen, sorgen für 80 Prozent des Inhalts, nur ein Fünftel kommt vom professionellen Stab des Sites, der von Nachrichten, Politik, Sport bis Unterhaltung die übliche Küche eines Tagesmediums anbietet. Tendenz: "Anti-Corporate, Anti-Regierung und häufig massive Antiamerikanisch", diagnostiziert Borton anhand von Beiträgen. "OhmyNews hat einen Zweiweg-Journalismus geschaffen, unsere Leser sind nicht mehr passiv sondern können jederzeit selbst zu Reportern werden", beschreibt OhmyNews-Chef Oh Yeon-ho sein Konzept.

Versuche mit "demokratischen Online-Journalismus" auf nationaler und internationaler Ebene unternimmt seit kurzem WikiNews, das seit November 2004 online ist und sich dementsprechend noch „Beta“ nennt. Der deutsche Site startete am 3. Dezember, ist also noch brandneu und "sucht noch Autorinnen und Autoren". WikiNews folgt dem Konzept des seit längerem etablierten Onlinelexikons WikiPedia: Ehrenamtliche Autoren liefern Beiträge (bei WikiPedia nach lexikalischen Begriffen, bei WikiNews nach Aktualitäten), diese unterziehen sich zur Verifikation eines "Peer Review" wie bei wissenschaftlichen Zeitschriften und werden demnach überarbeitet. Interessant ist auch der Ansatz, wie Artikel entstehen (sollen): in kollaborativer Form, bei der schon die Entstehung einer Art Demokratisierung unterliegen soll. Artikel, die in Arbeit sind, können bereits eingesehen werden; in der "Artikelschmiede" werden auch Fragen nach den Aspekten gestellt, die noch nicht geklärt wurden oder bekannt sind.

Eigentlich ein Konzept wie aus dem Lehrbuch des Kritischen Rationalismus von Sir Karl Popper – Wahrheit per se ist nicht möglich, was der Wahrheit am nächsten kommt entsteht durch Intersubjektivität und Falsifikation. Im Internetzeitalter wäre die größtmögliche Intersubjektivität die Zahl aller User. Wiki folgt auf seine Art dem Konzept von Open Source Software (die von vielen Entwicklern laufend weiterentwickelt wird und die jeder unentgeltlich verwenden kann, vorausgesetzt er stellt seine Verbesserungen wieder der Community

Sonntag, Dezember 05, 2004

Wenn sich Leser ihr Medium selbst machen

User Generated Content – Inhalte von Lesern anstatt von Profis – liegt quasi in der Natur des Internets. Erstens weil es ein Internet gab, bevor es Medien für den Journalismus entdeckte, also eigentlich das ganze Internet ein User-Generated-Medium ist.

Zweites, weil Medien (und elektronische Verlage unterschiedlichster Art) zunehmend User als Lieferanten ihrer Inhalte entdecken – weil dies anscheinend andere User anzieht (ähnlich wie Reality TV) und weil es obendrein billig ist.

Beweisstück 1:ThisIsHowYouDoIt.com das ein Geschäftsmodell rund um User Generated Content gebaut hat. Die Idee ist einfach, beschreibt Ester Dyson in ihrem eigenen Blog Release 4.0: User helfen anderen User mit Hilfe von erklärenden Videoclips. Aus dieser Erfahrung soll Richard Cummings, der Betreiber von ThisIsHowYourDoIt.com seine Grundidee gewonnen haben: Als er etwas neues mit seinem PC machen wollte, fand er nur Gebrauchsanleitungen, die er nicht verstand. Seit dem Start im September 2003 bietet Cummings Website 30 von Usern gestaltete und angebotene Videos an, die Gebrauchsanleitungen sind. Bisher haben diese Videos 1000 Downloads nach sich gezogen, der jeweilige User legt mit Beratung von Cummings selbst den Preis fest und beteiligt den Betreiber an den Einnahmen. Die Favoriten: Wie man den PC mit seinem TV-Geräte verbindet, und wie man Schach spielen lernt. 40 Prozent der Besucher des Websites kommen von außerhalb der USA, bezahlt wird über PayPal (das Bezahlsystem von eBay).

Beweisstück 2: Rezensionen von Büchern, Musik und alle anderen Arten von angebotenen Artikeln auf den Seiten von Amazon. Von Anfang ein Feature von Amazon, in abgewandelter Form auf anderen Websites wie bei eBay und anderswo gebraucht. User schreiben Besprechungen und geben Bewertungen ab – auch des Inhalts von Usern. Damit wandert gut bewerteter Content in der Reihung nach oben, schlechter bewerteter Content nach unten. Das System zeigt auch eine potenzielle Problematik von User Generated Content auf: Anfang 2004 wurde durch eine Panne (die E-Mail-Adressen der Absender wurden angezeigt) sichtbar, dass sich einige Buchautoren selbst positive Bewertungen in der Verkleidung von Usern ausstellten. Aber natürlich verbirgt sich hinter Botschaften immer eine Absicht – das ist auch im professionellen Journalismus nicht anders; im besten Fall besteht dessen Qualität darin, dass institutionelle Safeguards des jeweiligen Mediums für die Nachprüfbarkeit der vermittelten Inhalte sorgt.

Weitere Beweisstücke: Die wachsende Zahl der Blogs, und natürlich seit Urzeiten: Postings und Foren. Während ein großer Teil dieser Art von Inhalte immer schon eine Art soziales Grundrauschen im Netz darstellen, beginnen sich manche – vor allem Blogs – zunehmend in das journalistische Feld zu integrieren bzw. integriert zu werden.

Samstag, Dezember 04, 2004

pourquoi un blog?

Frankreichs Tageszeitung Le Monde ist auf den Blog gekommen. Das heißt, quasi auf liberté, egalité, fraternité: In der Sammlung der Le Monde Blogs sind die von Journalisten und Lesern geführten Blogs gleichberechtigt. Gebloggt wird ja schon bei manchen Onlinemedien, so unter anderem auch bei zeit.de, aber die meisten Onlinemedien halten ihre Blogs bisher streng unter der Kontrolle ihrer Redaktion und deren Mitglieder. Ganz neu sind die Leserblogs auf einer Stufe mit Journalistenblogs allerdings nicht: Das US-Onlinemagazin Salon hat seine Seiten bereits seit längerem für Blogger geöffnet.

Nur zwei Tage nach Aufnahem der Leserblogs in das Le Monde Angebot haben es vier Leserblogs unter die Top-10 in der Beliebtheitsskala der Besucher geschafft, berichtet Loic Le Meur. Das beliebteste Blog wird übrigens vom Le Monde Korrektorat geführt, gefolgt von einem Blog des Korrespondenten aus Kalifornien, der über Technologie-Entwicklungen berichtet.