Dienstag, März 29, 2005

Podcasting: Radio zum Selber machen

Es ist wie in der glorreichen Zeit vor dem Platzen der Dotcom-Blase: Neue Ideen und Anwendungen zirkulieren blitzartig durch die Internetwelt und finden über Nacht massenhaft Fans. Nachdem sich Blogs zur Lawine ausgewachsen haben, gibt es jetzt eine Art akustisches Äquivalent: Podcasting.

Der frühere MTV-Videojockey Adam Curry gilt als Vater des aus einer Kombination der Popularität von Apples iPod und Radio-Broadcasting geborenen Idee. Im August 2004 brachte Curry mithilfe des Computerpioniers Dave Winder die erste Version eines simplen Gratisprogramms namens iPodder ins Netz. Diese nutzt eine RSS (Really Simple Syndication) genannte Webtechnik, mit der Benutzer Websites "abonnieren" können: Statt jeden Tag dieselben Websites nach neuen Beiträgen zu durchforsten, abonniert man sie mit RSS - neue Beiträge werden so automatisch zusammengetragen, und man spart sich den langen Surfweg durchs Web.

Curry dehnte die Idee auf Audiobeiträge aus und verband sie mit der steil wachsenden Popularität des iPod: iPodder fungiert als Sammelstelle für alle abonnierten Audiobeiträge diverser Websites. Von dort werden sie automatisch auf den angeschlossenen iPod (oder andere MP3-Player) überspielt, und man hört zu, wenn man Zeit und Muße hat - beim Joggen, auf dem Weg in die Arbeit, im Flieger.

Die Entwicklung wurde zum Selbstläufer: Innerhalb weniger Monate holten sich hunderttausende iPodder und verwandte Software, um ihr eigenes Radio zu programmieren. Eine Reihe von Websites bieten Überblick über die Angebote, die von Nachrichtensendern wie National Public Radio, Hörbüchern und Musik von jungen Bands bis zu Audiobeiträgen nach Art von Textblogs reichen.

Anders als bei Blogging, das eine Weile brauchte, um von den USA auf den deutschsprachigen Raum überzuspringen, haben die Ausläufer des Podcasting-Sturms unsere Breiten rasch erreicht. Bei der Leipziger Büchermesse vor wenigen Tagen waren Audiobücher bereits ebenso Thema wie Audioblogs und Podcasting: Audible.de, die deutsche Hörbuchplattform, bietet eine Plattform mit Beiträgen von Zeitungen ebenso wie Hörproben aus neuen Büchern zum Gratisabo via Podcasting an - wer auf den Geschmack kommt, kauft dann.

Auch Selbstgekochtes floriert: Thomas Wanhoff von der Frankfurter Neuen Presse betreibt seit einigen Monaten "Wanhoffs Wunderbare Welt der Wissenschaft" mit wöchentlichen Podcast-Sendungen zu Themen wie Klimawandel oder wie sich Klapperschlangen untereinander verständigen. Seit Oktober haben sich seine Downloads versechsfacht, inzwischen hat er pro Sendung 700 bis 800 Hörer, erklärte Wanhoff gegenüber AP. Warum er Wissenschaft anbietet? "Ich habe ernsthafte Inhalte vermisst."

Unabhängigen Radiomachern und solche, die es werden wollen, gibt Podcasting neue Möglichkeiten: Die mühsamen, ohnehin nur selten erfolgreichen Bewerbungen um eine eigene Frequenz entfallen, und Internet bringt nicht nur örtliche, sondern überregionale Verbreitung. Dazu kommt ein unschlagbarer Vorteil: Wie Blogs lässt sich Podcasting (fast) zum Nulltarif betreiben. Mehr als ein Mikrofon für den PC und eine einfache Software, um die Beiträge zu schneiden, ist neben dem Arbeitsaufwand nicht nötig.

Das zieht auch die Pioniere der Blog-Ära an. Evan Williams, Gründer der heute zum Google-Reichs gehörenden Blooger.com, hofft damit ein zweites Mal, einen jungen Trend zum Massenphänomen zu machen, und hat eine Podcasting-Firma Odeo.com gegründet, die Audioblogging so einfach wie Textblogging machen soll, berichtet heise.de.

Die etablierten Radiosender halten sich, mit wenigen Ausnahmen wie National Public Radio, dem Thema noch fern. Dabei hat Podcasting vor allem für anspruchsvolles Radio ein Riesenpotenzial: Es ermöglicht "Radio on Demand" - Sendungen hören, die man sonst leicht verpasst, weil man zum richtigen Zeitpunkt das Radio nicht eingeschalten hat.

Es braucht wenig Fantasie, um die Schraube der Möglichkeiten noch ein wenig weiterzudrehen: Das so individuell programmierte Radio wird auf einem Server gesammelt, statt auf den MP3-Player überspielt zu werden - und per UMTS übertragen. Das wär dann endlich eine "Killerapplikation" für die einstweilen noch verzweifelt ihren Sinn suchende dritte Mobilfunkgeneration.