Sonntag, November 06, 2005

Video-Casting: Die Bausteine

Nach Podcasting kommt eine neue Welle in Gang: V-Casting, oder Podcasts auf Video, oder unter welchem hippen Namen das Ding noch populär werden wird. Zwar wie Podcasts bereits seit einiger Zeit im Umlauf, aber frei nach der Quantentheorie scheinen sich jetzt eine Reihe von Entwicklungen soweit zu aggregieren, dass es zu einem Quantensprung im System kommen kann (schön gesagt, gell?).

Also: Erstens ist die Möglichkeit zum Produzenten zu werden weit verbreitet. Nicht nur Videokameras, sondern auch Digitalkameras und Handys können Videoclips machen, deren Qualität für den Internetkonsum ausreichen – es ist eine Frage der Originalität der Darstellung und nicht der Beherrschung der Technik, ob ein Clip Interesse findet.

Zweitens: Es gibt eine Plattform, die eine einfache Schnittstelle zwischen Produzenten und Konsumenten bietet – Apples iTunes Music Store, der seit kurzem Video genauso einfach wie Audio (Musik, Podcasts) zugänglich macht. Microsofts MSN Music kann im Prinzip dasselbe, aber hat es bisher nicht geschafft. Es braucht wohl den Marktführer (=Apple), damit aus der Möglichkeitsform Realität wird.

Drittens: Es gibt massenhaften Content, nur wusste dies bisher keiner. Die vielen Amateure, die ihre Videoclips gerne und noch dazu gratis bereitwillig bereitstellen. Zum Beispiel die Hotel- und Reiseplattform "Zoom and Go", die Videoclips über Hotels und Urlaubsdestinationenvon deren Gästen zum Anschauen im Netz oder zum Download auf einen iPod online stellt. Klingt aufs erste langweilig, hat aber teils hohen Unterhaltungswert (wer würde nicht gerne einen Eindruck von einem Hotel bekommen, ehe er/sie sich zu einer Buchung entschließt?). Und bringt z.B. auch Newsclips von zufälligen Reportern, neulich zum Beispiel nach den Bombenanschlägen in Neu Delhi.

Viertens: Das führt die Besitzer kommerziellen Videocontents auf die richtige Spur: Scheibchenweise Wiederverwertung. ABC bietet Episoden von "Desperate Housewives" und "Lost" unmittelbar nach der Ausstrahlung im iTunes Music Store an, um ein paar Dollars. Das optimale Format wären drei bis vier Minuten lange Zusammenfassungen der Episoden, dann werden sie auch U-Bahn-tauglich. (Filmtrailer sind schon längst ein beliebter Videocontent, wegen ihrer Kürze – warum sollte es da nicht den Post-Trailer geben, der die ganze Geschichte im Zeitraffer erzählt?)

Fünftens: Musikvideos, Dokumentar- und Newsclips sind ohnedies im Überfluss vorhanden und hatten bisher keinen richtigen Vertriebsweg. Die BBC (und alle TV-Anstalten) sitzen auf Content, der sich leicht häppchenweise anbieten lässt – Öffentlich-Rechtliche sollten sich ein Beispiel an der BBC-Gratis-Philosophie nehmen, deren Begründung: Wir haben schon einmal dafür bezahlt.

Sechstens: Die Rückkehr der Soap Opera als Soap-Opera-Casting. Natürlich müssen auch irgendwie die Werbefuzzis ins Spiel kommen, denn wenn das Publikum der traditionellen Kanälen Radio und TV durch Pod- und Videocasting verloren geht, wie kommen Unternehmen dann an ihre Kunden? Richtig, durch Soap-Opera-Casting. Zur Erinnerung: Soaps haben ihren Namen daher, dass Soap-Hersteller TV-Serien sponserten und die Produkte von den Schauspielern vorteilhaft ins Bild gerückt wurden. Fast forward in die Gegenwart: Die Cannes-Rolle der besten TV-Werbespots ist seit langem zur Unterhaltung geworden und wird alljährlich ausgestrahlt. Fazit: Wenn ein Werbespot Unterhaltungswert hat wird er konsumiert – und hat bereits das ideale Format für V-Casting. Und schon sind sie dabei: Burger King stellte bereits seinen Plan für eine iPod-taugliche Serie kurzer Videocomedy-Clips vor.

Siebtens: How-To-Clips. Steigender Beliebtheit erfreuen sich in den USA Videos, die erklären wie was geht – vom Heimwerker bis zur Demonstration von Software. Diese Educationals sind gutes Futter für V-Casting – apropos Futter: TV-Köche sind gleichermaßen wie geschaffen für das Format. Jamie Oliver, wo bist du?

Achtens: Haben wir was vergessen? Achja, im Versuch eine jugendfreie Erklärung für die Entwcklung von V-Casting zu finden haben wir ganz übersehen: Die Sexindustrie ist bereits unterwegs und bietet Saftiges für einen kleinen Schirm in ihrer persönlichen Nähe. Ist zwar wenig respektabel, aber seit der Erfindung von Fotografie, Film und Videorekorder ein untrügliches Zeichen für einen richtigen Trend.

Internet: Das Do-It-Yourself-Medium.

Den Content, den wir lesen, machen wir uns selbst: Falls es noch eine Bestätigung braucht, dass Internet die Partizipation im medialen Produktionsprozess erhöht, dann findet man sie in einer Studie über Online-Verhalten von US-Jugendlichen. Mehr als die Hälfte aller US-Jugendlichen, die online sind, verwenden das Web um selbst zu publizieren: Blogs, Artwork, Fotos, Videos, Musik-Remixes. "Pew American & Internet Life" verfolgt seit Jahren systematisch die Evolution von Onlinegewohnheiten, daher kommt der Studie auch mehr Gewicht zu als den vielen gelegentlichen Erhebungen zum Thema Internet.

Der jugendliche Drang zur eigenen Kreation ist, wenig überraschend, wesentlich stärker ausgeprägt als der erwachsene – jetzt könnte man darüber philosophieren, ob dies nahe legt dass künftige Erwachsene kreativere Mediennutzer sind, oder ob der Drang zum medialen Betätigung mit den Jahren ähnlich nachlässt wie der Bewegungsdrang.

Was können Medien aus dieser Erhebung lernen? "Traditionelle Medienunternehmen müssen ihre Beziehung mit diesem starken, kommenden Publikum überdenken", kommentiert Lee Rainie, Direktor des Pew Projects, gegenüber BBC News. "Diese Teenager wollen eine dialogische Beziehung mit den Unternehmen, die ihnen Unterhaltung und Wissen liefern, statt eine reine Produzenten-Konsumenten Beziehung."