Donnerstag, Mai 24, 2007

Verlagshaus Amazon (2)

Neulich kaufte der Onlinehändler Amazon.com das Online-Fotomagazin Dpreview.com, jetzt hat sich Amazon den Hörbuch-Verlag Brilliance Audio zugelegt. Möglicherweise ein weiterer Schritt zu multimedialen Online-Verlagen des 21. Jahrhunderts – Drucker hielten sich Zeitungen und Buchverlage, Onlinekonzerne eben zunehmend Onlinemedien. Man könnte argumentieren, dass "Onlinemedium" von Anfang an in die Gene von Amazon.com geschrieben stand, siehe eigene Redaktion für Buch-, Musik- und Produktbesprechungen, und natürlich vor allem: User-Reviews, quasi Web 2.0 in Urform.

Derzeit bietet der Finanzinvestor Terra Firma für das Musiklabel EMI, dessen nicht-kopiergeschützten MP3-Musik Amazon im Herbst in Konkurrenz zu Apples iTunes Store anbieten will; Amazon als EMI-Käufer hätte durchaus eine kommerzielle Logik für den Onlinehändler: Denn Online schaltet tendenziell den Mittelsmann aus, also wäre EMI im Amazon-Besitz zugleich im Besitz seiner Vertriebsstruktur (langfristig gedacht, wenn CDs durch Downloads ersetzt sind).

Und für Medien kann man ähnliches konstatieren: Früher waren die Erzeugungsmittel zentral (Druck erfordert eine hohe Investition als Voraussetzung für journalistische Tätigkeit), bei elektronischen Medien sind die Vertriebswege (die Kanäle) zentral, während die Produktionsmittel fast zum Nulltarif verfügbar sind. Derzeit wird Reuters übernommen, für Dow Jones (Herausgeber des Wall Street Journal) gibt es Übernahmeangebote von Murdoch / News Inc. – könnte gerade so gut von Yahoo oder Google kommen. Fast schon vergessen: Microsofts Ausflug ins Fernsehen (MSNBC) und in Onlinemedien (Slate, heute Washington Post).

Mittwoch, Mai 23, 2007

Google abschöpfen

Die US-Zeitungsindustrie scheint ein altes Thema neu aufwärmen zu wollen: Von Google Geld für die Verlinkung zu kassieren. Eine Art "Google Quarter" (nach der 25-Cent-Münze) will der neue Eigentümer der Tribune Company (Chicago Tribune, Los Angeles Times), Sam Zell, von Google kassieren. Gemeint sind die Geschichten-Anrisse, die Google bei seiner News-Suche aus den Zeitungen verwendet und mit Links auf Google-Seiten platziert.

In Europa gab es dazu u.a. einen Prozess mit belgischen Zeitungen; das Gericht urteilte, dass die Google-Praxis eine Verletzung des Urheberrechts sei, woraufhin Google die Indizierung der Zeitungen der Gruppe stoppte. Inzwischen gab es einen Vergleich, die Zeitungsgeschichten werden wieder indiziert, ob dafür bezahlt wird ist nicht bekannt. Mit den Agenturen Agence France Press (AFP) und Associated Press (AP) hat Google Lizenzvereinbarungen über die Verwendung von Meldungen und Fotos geschlossen, auch hier sind die Konditionen nicht bekannt.

Eine berechtigte Frage, die seit geraumer Zeit auch in der Blogosphäre debattiert wird (weil es auch hier "Aggregatoren" wie die "Presse" in Österreich gibt, die auf ihren Seiten die RSS-Feeds von Blogs präsentiert), für die harte Daten fehlen. Denn: Natürlich bringt dieser verkürzte Content Google Besucher, aber andererseits bringt er den Medien (auch Blogs) Besucher, wenn diese Leserinnen und Leser auf den jeweiligen Newssite weiter gehen. Kann aber auch sein, dass Headline & Anriss oft genug sind für den schnellen Überblick, dann bringt es Google Visits, den Zeitungen nicht.

Mit einiger Sicherheit hat Google Daten dazu: Denn natürlich registriert die Suchmaschine, wer von einer Seite auf welchen Link weitergeht. Die Forderung muss daher sein: Diese Daten offen zu legen, um der Debatte eine sachliche Basis zu geben.

Dienstag, Mai 15, 2007

Amazon, das Verlagshaus

In Zeiten von Web 2.0 verwischen traditionelle Grenzen des Journalismus. Jüngstes Beweisstück: Amazon.com, der weltgrößte Online-Händler, hat die kleine, feine Website Dpreview.com gekauft. Das in London gemachte "Digital Photography Review" ist ein von Fotografen, Profis wie Amateuren, sehr geschätztes (und mit sieben Millionen Unique Users monatlich außerordentlich gut besuchter) Fotomagazin. Geboten werden exzellente, herstellerunabhängige Digicam-Tests, aktuelle Ankündigungen von Herstellern, Knowhow rund um Digitalfotografie. Das alles in einer klaren Packung -- kein Schmus, keine "Bestes Bild des Monats"-Rubriken, just the facts.

Warum kauft jetzt Amazon.com eine Website, die man als Fachjournal bezeichnen kann? Im Moment noch schwer zu sagen, aber in vielfacher Form ist Amazon.com schon seit seiner Gründung und dem Grundkonzept nach auch ein Content-Lieferant. Bleiben wir bei Büchern, Musik und Filmen: Zu so gut wie jedem Produkt stellt eine eigene Amazon-Redaktion Besprechungen dazu, was üblicherweise das "Geschäft" von Kulturredaktionen ist. Jetzt könnte man unterstellen, dass diese Besprechungen geschönt sind, da ein Kaufmann seine Produkte nicht schlecht machen wird -- aber völlig ungeschönt finden sich anschließend die Kommentare von Amazon-Kunden (inkl. Sternderl-Bewertungen), und von denen habe ich schon ziemlich unschöne gesehen (obwohl es auch Fälle gab, wo Autoren für gute "Leser-Besprechungen" sorgten).

Von da bis zum Einkauf einer produktbezogenen (Kameras), journalistischen Website ist nur noch ein logischer Schritt: Quasi die ausgelagerten Produktbesprechungen von den Experten. Nebenbei: Da Amazon.com Händler, nicht Hersteller ist, kratzen ihm theoretisch schlechte Rezensionen wenig, denn sie verhindern nicht einen Kauf an sich, sondern steuern ihn nur zu anderen, besser besprochenen Produkten. Also kann man genauso gut unabhängigen Service-Journalismus unterhalten.

Und falls das mit der Unabhängigkeit doch nicht klappt: Das Korrektiv ist die Community selbst -- schon jetzt gibt es im Netz eine Debatte darüber, ob Dpreview.com unter dem neuen Eigentümer funktionieren kann. Wenn nicht: Wir werden darüber lesen.

Lokalberichterstattung nach Indien outsourcen


"Wir suchen einen Zeitungsjournalisten in Indien,
der über den Stadtrat und die politische Szene in Pasadena, Kalifornien, berichtet." IT-Spezialisten, Callcenters und medizinische Dienste wurden bereits nach Indien ausgelagert, jetzt offenbar auch Lokalberichterstattung.

Für James Macpherson, Chefredakteur und Verleger der zwei Jahre alten Nachrichten-Website Pasadenanow.com scheint es logisch:Die wöchentliche Sitzung des Stadtrats wird per Internet übertragen, und "ob man inBombay oder in Pasadena sitzt, man ist immer nur eine E-Mail oder einenAnruf von einem Interview entfernt", zitiert die Nachrichtenagentur AP Macpherson, und wirtschaftlich sei es aufgrund niedriger Lohnkosten auf jeden Fall. "Ein trauriges Bild, was aus dem amerikanischen Journalismus werden könnte", sieht hingegen Bryce Nelsen, Professor für Journalismus an der Uni Südkalifornien. "Niemand mit klarem Verstand" vertraue der Berichterstattung von Menschen, die mit den örtlichen Umständen nicht vertraut seien.