Werbung Zurück zur aktuellen Ausgabe
Ausgabe Nr. 52 - Freitag  24.11.2000 - Seite 1
Kommentar

Werbung
     
  SalzBurger Köpfe
Der Rückblick des Tages auf einen ausgewälten SalzBurger-Artikel
Shopping mal ganz anders - Der SalzBurger zum Thema eCommerce.


Neulich im SalzBurger:
am 23.11.2000
Bergmanie in den Alpen

am 6.1.2000
Silvestergedanken


Der aktuelle Blick über den Tellerrand - rund um den SalzBurger

Heute schon wieder in die Radarfalle getappt?
Pech? Nein! Abhilfe schafft diese Seite. (vogl)

mehr dazu Link zu einer Seite ausserhalb des SalzBurgers!


Alle frueheren Ausgaben - im SalzBurger-Archiv
Hier koennen Sie die Mannschaft des SalzBurgers kennenlernen!

Post an den SalzBurger abschicken

Selling the Drama


Im Rahmen des 3. Salzburger Journalistik- Tag am 9. November 2000 ging es unter anderem um die Popularisierung der österreichischen Medienwelt. Präsentiert wurde eine Zwischenbilanz des laufenden Forschungsprojektes "Die Ökonomisierung der österreichischen Medienwelt- Populärer Journalismus und Selbstthematisierung als Konsequenzen und Verstärker (ÖPS)", durchgeführt von der Österreichischen Gesellschaft für Kommunikationswissenschaft unter der Leitung von Ao.Univ.Prof. Dr. Rudi Renger und Dr. Gabriele Siegert. Der Workshop Panel Popularisierung widmete sich einem spezifischen Wandel im Bereich des Journalismus. "Es wird davon ausgegangen, dass sich journalistische Medien unter dem Druck der `Marktlogik´ entweder selbst boulevardisieren oder den Prämissen eines populären ´Consumer journalism´ nuanciert nähern." (sh. Infoflyer der Veranstaltung)


Was zu diesem Zeitpunkt noch nicht berücksichtigt werden konnte, sämtliche Thesen was die Popularisierung und die Annäherung mittlerer und qualitativer Medien an den Boulevard jedoch 100% verifiziert hätten, war die Berichterstattung über das Drama von Kaprun.
Am 11.11. dieses Jahres ereignete sich in der Pinzgauer Gemeinde ein tragisches Seilbahn- Unglück, bei dem auf der Fahrt mit einer alpinen U- Bahn auf das Kitzsteinhorn 155 Menschen ums Leben kamen.
Fast das ganze Samstag- Hauptabendprogramm des ORF war diesem Thema gewidmet; Live- Schaltungen nach Kaprun sollten die Authentizität noch erhöhen, was man sah, ließ einen erschauern: zum einen wußte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wer genau unter den Opfern war, doch der ORF macht's möglich: durch eine Großaufnahme der wartenden Angehörigen der Vermißten konnte man, war man auch noch so weit entfernt bzw. von der eigenen Familie noch nicht benachrichtigt worden, um keine unnötige Bestürzung hervorzurufen, gleich sehen, ob man zu den Betroffenen gehörte oder nicht; und während eine Welle des Schreckens und der Angst in Österreich umging, schaffte es der Reporter vor Ort die Einsatzkräfte mit derart stupiden Fragen zu löchern, daß selbst der nur informationssuchende Zuseher am liebsten das TV- Gerät abgedreht hätte.
Zu diesem Zeitpunkt wußte man nur, es gab einen Brand, wenige konnten sich retten, eine Vielzahl, der im Zug fahrenden Menschen dürfte verbrannt sein. Elf Stunden danach hindert das nicht den Reporter, Feuerwehrchef Brandauer die Frage zu stellen: Was war Schuld? Warum kam es zu diesem Brand? Dieser antwortete, genauso wie der Chef der Salzburger Gendarmerie Major Franz Lang, daß man zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hätte, was Ursache für diese furchtbare Katastrophe sei. Man müsse warten, was die in den nächsten Tagen stattfindenden Ermittlungen zeigen würden, alles andere sei Spekulation. Das hinderte aber keinen ORF- Mann, die selbe Frage noch drei weitere Male zu stellen, jedesmal noch etwas zudringlicher und spektakulärer. "Man hat auch schon von einem Sprengstoffanschlag gesprochen, glauben sie, das war der Auslöser?" oder "Können Sie uns wirklich nicht sagen, warum es zu dem Brand kann?" No, na.
Und während die Angehörigen am nächsten Tag noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hatte, daß vielleicht ihr Sohn nicht dabei sei, man auf dem Weg zu seiner Familie war, weil einen die schreckliche Nachricht ereilt hatte, daß jemand von zu Hause unter den Vermißten sei, konterte die Neue Kronen Zeitung schon mit einem 16 seitigen Bericht; über ein Drittel also ihrer Sonntagsausgabe war diesem Thema gewidmet, dabei waren so griffige Headlines wie "Ich stolperte über einen Toten".
Aufgrund ihrer Erscheinungstermine konnten die SN erst am Montag über Kaprun berichten, na ja, zwar vom Stil erträglicher als die Kronen Zeitung fragt man sich dann aber doch, warum fast das selbe Titelblatt- Foto verwendet wurde, wie dies am Sonntag schon die Krone getan hatte. Eine Riesen Schlagzeile "Trauer", eine acht Seiten lange Cover-Story und im Anzeigenteil hat man trotzdem sicher nicht darauf vergessen, für die Todesanzeigen die Rechnungen auszustellen. Die Scheinmoral der Medien auf den Punkt gebracht. Na ja, es geht ja auch ums überleben, zumindest ökonomisch oder wie.
Kaprun war inzwischen belagert von 600 JournalistInnen aus der ganzen Welt, jeder wollte und mußte über die Geschichte was bringen. Und nachdem es in den Häusern der Angehörigen schon längst traurige Gewißheit geworden war, daß der oder die, auf den man wartete, nie wieder kommen würde, wollte die Berichterstattung nicht abreißen. Im ORF gehetzt von einer Sondersendung zum Thema nach der anderen, im Printbereich durch einen Wettbewerb: wer quetscht den letzten Tropfen Tragik aus dem Ganzen oder "wie ich meine Verkaufszahlen erhöhe, durch pietätlose Fotos".
Ein Schock das Titelblatt des SN- Regionalteils vom 15. November 2000 auf dem die "munter- fröhliche" Bergungsarbeit der Männer im Tunnel zu sehen war; wie sie Reste von Leichen oder was auch immer in braune Hüllen wickeln. Im Innenteil dann noch mal Totale auf die Leichen schleppenden Männer. Sehr angenehm zu sehen, wenn man sich denkt, dies könnte vielleicht genau der Mensch sein, den du grad betrauerst. Mich wundert, daß nicht Fotos freigegeben wurden von den Gerichtsmedizinern beim Obduzieren.
Am Freitag, dem 17. November auf der SN Titelseite dann die ausgebrannte Zugsgarnitur, für die ganz Dummen, falls man nicht genug Phantasie hat, sich dieses Inferno vorzustellen. Dazu ständige Fragen der ORF- Reporter an die Männer vom Bergetrupp. NEIN! Sie wollen nichts sagen vor laufender Kamera, was sie gesehen und gefühlt haben. Na ja, vielleicht wenn man fünf mal nachfragt, ändert sich das, scheinen die Reporterteams zu denken.
Und auch die Neue Kronen Zeitung fackelte nicht lange rum, ruft bei Angehörigen an, um sich Bildmaterial über die Opfer zu beschaffen. Diese verweigern, worauf die Antwort von der Redaktion kommt "Macht nichts, wir haben's eh schon anderweitig besorgt."
Inzwischen hat sich auch "Super- ich will Kohle"- Anwalt Ed Fagan in die Sache eingeschaltet; was für ein Glück für ihn, diese Katastrophe, ein weiterer aufsehenerregender Fall, wie man zu Geld und Befriedigung von Mediengeilheit kommt.
Nun ja, sein Satz "Shame on you" in bezug auf die Entschädigungszahlungen für die Arisierungsopfer kommt hier zu neuer Gültigkeit: SHAME ON YOU, an alle Berichterstatter, die glauben, keinen Halt machen zu müssen vor der intimsten Trauer und dem schrecklichen Gesicht des Todes.
Gratulation auch unserem Bundeskanzler Schüssel, der sehr viel Feingefühl zeigte, in einer seiner ersten Reaktionen auf das Unglück. Er bedaure, habe Mitgefühl und daß, obwohl die Regierung am kommenden Dienstag (2 Tage nach besagtem Interview!) eine Sondersitzung habe. Die natürlich, vollkommen selbstlos, abgesagt wurde. Selbst aus Tragödien wie diesen, scheint manch einer noch einen Selbsprofilierungsversuch zu machen.
Höhnisch fast die Forderung von Josef Schorn in seinem Kommentar der Wochenend- SN vom 18./19. November, daß die Fehlleistungen alle lückenlos geklärt und das Vertrauen in diesen hochtechnisierten Tourismuszweig Stück für Stück zurück gewonnen werde müssen. "Zuvorderst verlangt dies der Respekt vor 155 Todesopfern." Welcher Respekt, der, den die österreichischen Medien weder den Opfern noch ihren Angehörigen gegenüber jemals gezollt haben?
155 Todesopfer, von jedem angenommen einen Freundes-, Bekannten und Verwandtenanteil von zumindest 100 Personen gehabt zu haben, eine niedrige Schätzung, die aber schon 15 500 Personen zu Betroffenen machen würde. 15 500 Personen auf die weder die Medien, noch die Politik Rücksicht nehmen. Und 15 500 als statistische Zahl, weil Statistiken doch immer schön sind, will man z.B. den deutschen Medien Glauben schenken, die versuchen, durch eine Anhäufung von Unglücksfällen wie Galtür, Kaprun etc. statistisch dem nachzugehen, wie sicher Österreich als Urlaubsland ist. Welch seriöse Vorgehensweise.
Zumindest die Berichterstattung von Profil (vom 20.11 2000) ist fundiert, so sachlich wie möglich gehalten und weißt nur auf der Titelseite Boulevardisierung auf, den auch da konnte man sich ein Foto vom ausgebrannten "Gletscherdrachen" nicht verkneifen, aber wie gesagt, ein Medium will verkauft sein/ werden.
Die Mannen und Frauen um Rudi Renger und Gabriele Siegert dürften sich in ihren Thesen bestätigt fühlen, traurigerweise. Ich fordere die Schaffung einer Medienethikkommission, die die Bevölkerung vor der JournalsitInnenmeute, im wahrsten Sinn des Wortes, schützt!

(anhaus)
 

   
<< vorige Seite nächste Seite >>

 

 
     

Big Brother Awards Austria