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Ausgabe Nr. 41 - Donnerstag  2.12.1999 - Seite 2
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Interview mit Dr. Karin F. Schwanner


Dr. Karin F. Schwanner, Therapeutin im Kinderschutzzentrum Salzburg, beantwortet Fragen zum Thema Kindesmißbrauch.

 
Was heute noch serviert wird:

Das Kinderschutzzentrum in Salzburg (auf Seite 1)


Wie reagiert man auf Kindesmisshandlung, wenn man sie bemerkt?

Wenn man sieht oder die Sorge hat, dass mit einem Kind irgendetwas passiert, man das Gefühl hat, dass ein Kind schlecht behandelt wird oder sonst etwas nicht in Ordnung ist, ist es zuerst wichtig, dass man sich jemanden sucht, mit dem man darüber sprechen kann.
Bei uns im Kinderschutzzentrum sind alle Leute willkommen, die sich um ein Kind Sorgen machen. Sie können uns anrufen oder auch persönlich vorbeikommen.
Menschen, die zu uns kommen, finden hier einen Ansprechpartner, der ihre Sorgen kostenlos und anonym behandelt. Wir zeigen auch niemanden an, sondern besprechen, was die Sorge ist und was man tun kann.
Die meisten Leute, die ihre Kinder "misshandeln", tun das ja nicht aus dem Grund, weil sie bösartig sind, sondern weil sie einfach nicht weiterwissen. Eine Kindesmisshandlung ist ein Ausdruck der Hilflosigkeit und solche Leute brauchen Hilfe.
Ich würde ihnen vorschlagen, die Eltern in irgendeiner Form anzusprechen und Hilfe anzubieten, auf jeden Fall würde ich sie darauf hinweisen, dass es die Einrichtung des Kinderschutzzentrums gibt. Möglicherweise auch den Vorschlag machen, gemeinsam mit der Frau oder dem Mann zu uns zu kommen bzw. darauf aufmerksam machen, dass man hier anrufen kann und hier betreut wird.
Wir bieten kostenlose Therapien an, um den Menschen neue Strategien im Umgang mit ihren Kindern zu vermitteln. Hier sei nochmals betont, dass wir keine Schuldzuweisungen machen, wir schauen einfach, was als nächster Schritt am besten möglich ist.
Manchmal ist es auch nötig, Unterstützungen anzubieten, sei es in finanzieller oder sozialer Hinsicht.
Wir sind ein multiprofessionelles Team, das sich unter anderem aus Sozialarbeiter, Psychologen und Psychotherapeuten zusammensetzt.


Gibt es eigentlich oft Fehldeutungen in diesem Bereich?

Es kann natürlich sein, dass Nachbarn sagen: "Mein Gott, da ist es immer so laut, die Kinder schreien!". Meistens fühlen sich diese jedoch nur lärmbelästigt.
Des öfteren ist es der Fall, dass es sich um Menschen handelt, die wirkliche Probleme mit ihren Kindern haben, da stellt sich aber die Frage, ob diese dann unser Angebot in Anspruch nehmen.
Bei uns gibt es ein "Komm-Angebot": Wir machen keine Besuche und sind deshalb darauf angewiesen, dass Leute zu uns kommen. Wir bemühen uns ein sehr niederschwelliges Angebot zu haben, d. h. wir haben eine Hotline eingerichtet, unter der man uns von Montag bis Freitag, von 8:00 bis 17:00 Uhr erreichen kann.
Man hat die Möglichkeit über alles zu sprechen, doch es gibt natürlich auch Leute, die nur anrufen und gar nicht herkommen. Wenn keine Vertrauensbasis geschaffen werden kann, ermutigen wir die Leute, dass sie zum Jugendamt gehen, um dort herauszufinden, wer der zuständige Sozialarbeiter ist. Diese haben dann die Möglichkeit, einen persönlichen Kontakt herzustellen.


Kann man auch zu ihnen kommen, wenn das Kind von einem Fremden misshandelt wurde?

Natürlich!
Man kann in Krisenfällen aller Art anrufen, wenn ein Kind oder Jugendlicher betroffen ist. Wir sind immer zuständig, wenn ein Kind involviert ist. Dabei kann jeder anrufen, der sich um ein Kind Sorgen macht, wie zum Beispiel Nachbarn, Freunde oder Familienangehörige. Schwerpunktmäßig beschäftigen wir uns mit sexuellem Missbrauch, Gewalt und Vernachlässigung, aber prinzipiell kann man mit allen Familienproblemen zu uns kommen und Beratung und Therapie erhalten.

Kommen meist die Betroffenen selbst oder die Außenstehenden?

Hauptsächlich melden sich die Betroffenen selbst. Sie rufen üblicherweise bei uns an, dann wird das Problem aufgenommen und die Person kann zu uns kommen.
Es wenden sich sehr viele Leute an uns, die durch LehrerInnen oder KindergärtnerInnen auf uns aufmerksam gemacht worden sind, oder sie lesen über uns und es entsteht eine Art "Mundpropaganda".
Die Menschen bekommen entweder einen Termin zu einer Beratung oder auch nur einen telefonischen Rat, wenn sie es so möchten.

Kommen auch Kinder von sich aus zu ihnen?

Es gibt auch Kinder die von selbst kommen.
Wir haben ein spezielles Angebot für Kinder entwickelt, das "Präsentationen für Schulklassen" heißt. Die LehrerInnen melden sich und die Schüler vorher an, dann kommen sie hierher und erhalten im Seminarraum die ersten Informationen über das Kinderschutzzentrum und wer hier arbeitet. Nachher machen wir eine Hausführung und zu bestimmten Themen, die zuvor mit den Lehrern abgesprochen wurden, wird eine kleine Unterrichtseinheit abgehalten.
Und von da ab, kann es schon mal vorkommen, dass uns Schülerinnen und Schüler berichten, dass sie schon einmal hier gewesen sind. Natürlich gibt es auch Fälle, wo während so einer Hausführung Kinder zu uns kommen, die sich Tipps geben lassen.


Wie und wann kommen Betroffene hier her?

In den meisten Fällen ist es so, dass die Betroffenen sagen, sie haben schon so lange Schwierigkeiten und wollen diese endlich lösen. Dies ist natürlich auch Jahreszeiten abhängig d. h. zu Festeszeiten ist es häufig so, dass Schwierigkeiten in der Familie eskalieren. Jetzt zur Weihnachtszeit kommt es verstärkt vor, dass jeder die tollsten Erwartungen hat und sich alle freuen im Familienkreis zu sein, doch in der Realität schaut es ganz anders aus, denn alle sind nervös und gestresst und können einander nicht aushalten. Das ist dann der Zeitpunkt, zu dem uns die Menschen anrufen, wenn die Situation außer Kontrolle gerät. Die Menschen stehen dann schon so unter einem inneren Druck, dass sie froh sind, wenn sie mit jemanden darüber sprechen können. Oft rufen auch Mütter an, die sagen, ich habe den Verdacht, dass mein Kind missbraucht wird. Oder das Kind erzählt von sich aus.


Wie sieht die Zukunft dieser Kinder aus?

Bei uns gibt es keine Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder. Es kommen nur Kinder, die nach wie vor zuhause wohnen.
Wenn es in einer Familie zu Übergriffen kommt, muss man in erster Linie schauen, dass das Kind geschützt wird. Heutzutage ist es so, dass man den Täter bittet auszuziehen, das ist die modernere Variante des Kinderschutzes, früher hat man das Kind aus der Familie genommen.
Man hat auch jetzt schon ganz andere gesetzliche Möglichkeiten, wie zum Beispiel das "Wegweiserecht" im Falle einer Vergewaltigung. Das heißt, es wird nicht das Kind bestraft indem es von der Familie herausgerissen wird, sondern der Täter. Wenn dies jedoch nicht möglich ist, dann würde man den "Missbraucher" bitten, von zuhause auszuziehen, zumindest solange bis die Vorgänge geklärt sind. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn der andere Elternteil zum Kind steht. Denn es gibt auch Kinder, die von Übergriffen berichten und denen nicht geglaubt wird. Dann ist die Situation gegeben, dass das Kind von zuhause weg muss, diese Fälle übernimmt aber das Jugendamt.
Jeder Schritt wird mit den Betroffenen besprochen, wenn das nicht möglich ist und die Situation so heikel ist, dass ich nicht mehr stillschweigend zusehen kann und ich um Leib und Seele des Kindes fürchten müsste, würde ich den Eltern beibringen, dass ich das Jugendamt einschalten werde.
Das Jugendamt hat dann die Möglichkeit einzugreifen und das Kind, auch gegen den Willen seiner Eltern, wegzubringen.
Kinderheime, im herkömmlichen Sinne, gibt es im Bundesland Salzburg nicht mehr. Es sind vor allem einmal Krisenunterbringungen bzw. Wohngemeinschaften vorhanden. Für kleinere Kinder gibt es das "KIWI" und für ältere eine Einrichtung in der Werkstättenstraße, wo man zumindest für ein paar Tage wohnen kann, bis sich die Situation geklärt hat. Für Jugendliche über 16 Jahre, gibt es das SWO - Angebot, das heißt, selbstständiges wohnen in eigenen Wohneinheiten, jedoch mit WohnbetreuerInnen, die für die Jugendlichen verantwortlich sind. Dies ist nur über das Jugendamt möglich.
Psychologische Betreuung gibt es bei uns für Eltern und ihre Kinder. Wir arbeiten mit der systemischen Familientherapie, das heißt, es wird die Familie und auch das Umfeld miteinbezogen. Es geht nicht darum, nur mit einer Person der Familie zu arbeiten, sondern sich auch zu überlegen, welche Auswirkungen dies auf andere Familienmitglieder hat, wenn sich etwas ändert. Wichtig ist es, Lösungen zu finden, die zufriedenstellend sind und mit denen man gut weiterleben kann.

 

Links zum Thema:

Gewalt gegen Kinder ist vielfältig Link zu einer Seite ausserhalb des SalzBurgers!

Gewalt gegen Kinder und Frauen Link zu einer Seite ausserhalb des SalzBurgers!

Verdacht auf Kindesmißbrauch, was kann ich alles tun? Link zu einer Seite ausserhalb des SalzBurgers!

   
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Dr. Karin F. Schwanner
Dr. Karin F. Schwanner

Dr. Karin F. Schwanner mit Kindergruppe
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