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Eine Weihnachtsglosse von Mario Steidl
Böse Zungen behaupten ja, dass meine Aversion gegen Weihnachten auf eine Psychose zurückzuführen ist, die aus einem frühkindlichen Schockerlebnis resultiert. Zugegeben, dem ist wirklich so. Bis heute habe ich es nämlich psychisch nicht verkraftet, dass meine Eltern mich Jahre lang belogen haben. Damals, im zarten unschuldigen Kindergartenalter ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ausgerechnet meine Lieblingstante legte mir mit schonungsloser Offenheit dar, dass meine Eltern die Geschenke unter den Christbaum gelegt haben und nicht das Christkind. Tatsache ist, dass ich nicht DJ Ötzis Meinung bin und „Weihnachtszeit als die schönste Zeit des Jahres“ empfinde. Im Gegenteil. Warum soll ich mich einer rauschhaften Besinnlichkeit hingeben, wenn ich das bereits in meiner alljährlich sehnsüchtig erwarteten Herbstdepression zur Genüge auskoste. Kostenlos. Ohne den Zwang, meine Besinnung mit anderen teilen zu müssen. Sie mögen jetzt argumentieren, dass mich niemand dazu zwingt, an dieser schönen Weihnachtszeit teilzunehmen. Werte LeserInnen, dem ist nicht so. Nehmen wir meine bereits erwähnte geliebte Herbstdepression als Beispiel. Stellen sie sich vor, ihnen dröhnt den ganzen November täglich aus allen Medien Depressionsstimmung entgegen, auf jedem noch so kleinen Marktplatz wird ein Depressionsmarkt abgehalten und Depressionsglühwein verkauft. Ihre sämtliche Umgebung ist mit grauen Lichtern verhangen und gleich den Weihnachtstannenzweigen hängen allerorts Depressionsmistelzweige. Statt dem hell erleuchteten Adventskranz steht ein vertrockneter Depressionskranz mit schwarzen Schleifen auf jedem Küchentisch und aus den Lautsprecherboxen werden sie permanent mit Nick Caves Weltuntergangsstimmungsmusik beschallt. Sie sehen, hier findet sehr wohl eine Zwangsbeglückung statt, wobei ich diese allerdings vorzugsweise auf einem herbstlichen Depressionsmarkt ausleben würde.
Allein – ich frage mich, worauf wir uns zur Weihnachtszeit eigentlich besinnen. Die Ausgaben für kleine Geschenke zusammengezählt, die bekanntlich die Freundschaft erhalten, treiben so manchen wohl eher in die Besinnungslosigkeit. Nachdem wir uns unser schlechtes Gewissen mit dem obligatorischen Hunderter für Licht ins Dunkel von Peter Rapp wieder für ein Jahr beruhigen lassen haben, geben wir uns in der heiligen Nacht im Kollektiv einer hemmungslosen Tauschfreude hin. Dennoch entpuppt sich der Griff zum Freude versprechenden Geschenk nur allzu oft als Griff ins Klo. Das als Zeichen der Wertschätzung an Mama überreichte Bügelbrett wird ebenso mit versteinertem Lächeln quittiert wie der geschmacklose Batik-Seidenschal für die Freundin, die sich damit um die Ausgaben der ihrerseits überreichten Uhr von Chopard geprellt sieht. Doch immerhin macht das Fest der Liebe hier wirklich Sinn. Mit einem Weihnachtsgeschenk als Belastungsprobe zwischenmenschlicher Beziehungen.
Trotzdem sind sie süß, diese zahllosen glänzenden Kinderaugen zur Weihnachtszeit. Kinderaugen, die sich mit Tränen füllen, wenn die weihnachtsgestresste Mami im Einkaufszentrum droht, dass das Christkind nicht zu schlimmen Kindern kommt. Der Schaden, den Weihnachten als Repression gegen ungehorsame Kinder nach sich zieht, kommt vielmals erst im Erwachsenenstadium zum Ausdruck. Man betrachte nur an meinem Beispiel die verheerenden Auswirkungen einer enttäuschten und getäuschten Kinderseele, die unzählige Monate ihres so jungen Lebens um des Christkinds Willen in bravem Gehorsam zubrachte. Für etwas, von dem sie dir dann einfach so nebenbei sagen, dass es das gar nicht gibt. Wahrscheinlich rührt meine alljährliche Herbstdepression daher. Weil ich unbewusst weiß, dass ich mich nicht bald auf das Christkind freuen kann.
(mast)
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